Fachbereich Geschichte und Soziologie
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Armut, Kultur oder Menschenhandel? Die „Biographie des Bettelns“ in Senegals Koranschulen

Es geht “nach Hause“ und doch ins Ungewisse: Die “réinsertion“ eines “Straßenkindes“, Juli 2012.

Dakar, Juli 2012

Mit meiner Kontaktperson N. bin ich zu Besuch bei maitre K. in seiner Koranschule im ärmlichsten Viertel von Pikine, einem Vorort Dakars mit denkbar schlechtem Ruf. Ich hatte N. gebeten, mich mit einigen maitres in Verbindung zu setzen; er wiederum will den Besuch bei K. dafür nutzen um "nach dem Rechten zu sehen", denn vor kurzem war einer dessen Schüler geflüchtet. Dieser Junge war unterdessen im staatlichen centre d´accueil (Kinderheim) gelandet. Maitre K. setze nun alles daran, ihn eigenhändig in die Herkunftsfamilie zurückbringen zu dürfen; als talibé (Koranschüler) zurücknehmen wollte er ihn ja gar nicht mehr. K. hatte meiner Kontaktperson sogar Geld geboten, wenn er die Rückführung irgendwie in die Wege leiten könnte.

Das Problematische daran war jedoch, dass das Kind überhaupt nicht in sein Herkunftsdorf zurückwollte. Schon gar nicht mit seinem maitre, vor welchem er sich versteckte, als dieser zwecks Mediation ins centre geladen wurde. Tags darauf sollte das AEMO, das senegalesische Pendant zu unserem Jugendamt, in einer Anhörung über den Fall entscheiden. Entsprechend defensiv zeigt sich K. mir gegenüber, auch wenn ich ihm klar mache, dass ich nicht gekommen bin, um ihn in irgendeiner Weise zu evaluieren. "Schauen Sie doch, den Kindern fehlt es an nichts. Sie haben sogar einen Fernseher und einen Ventilator...". Warum der Junge weggelaufen sei? "Er war faul, wollte nicht lernen. Ein Problemkind, selbst seine eigenen Eltern sagen das! So sind Kinder heutzutage....Aber sehen Sie, ein Fernseher und ein Ventilator...."

Wenige Wochen später nehme ich an einem „camp de réinsertion" ("Reintegrations-Camp") für „Straßenkinder" teil. Solche Camps werden von mehreren Hilfsorganisationen alljährlich organisiert und haben zum Ziel, innerhalb kurzer Zeit und mittels eines entsprechend aufgestellten Programms „Straßenkinder" zur – sofortigen ­- Rückkehr in ihre Familien zu bewegen. Die Atmosphäre ähnelt der eines Ferienlagers; mit dem bitteren Beigeschmack, dass die Kinder täglich weniger werden, es zu Fluchtversuchen kommt und die von Gewalt, Vernachlässigung und Armut geprägten Geschichten der Kinder schwer wie Blei in der Luft hängen.

Der 12-jährige A. gilt als einer der "Hoffnungsträger" des Camps und ist mir durch seine Warmherzigkeit in der kurzen Zeit besonders ans Herz gewachsen. Er kann es kaum abwarten, endlich seine Mutter wiederzusehen. Schließlich steigt er, stolz ausstaffiert mit einigen Kleidungsstücken, Keksen und anderen Kleinigkeiten und strahlend von einem Ohr zum anderen, ins Auto. Am Abend berichten die beteiligten Sozialarbeiter positiv von dem Empfang durch die Familie. A. sollte in Zukunft in eine école publique (öffentliche Schule) eingeschult werden und nicht mehr in die Koranschule zurück müssen, von welcher er weggelaufen war. Er hatte anschließend mehrere Monate auf den Straßen Dakars verbracht, bevor er sich bereit erklärte, an dem "camp de réinsertion" teilzunehmen. Nur wenige Wochen später allerdings sollte ich die Neuigkeiten erfahren: Bei einer der allwöchentlichen "actions rue" (Streetwork-Touren) der Hilfsorganisation war A. wieder auf den Straßen Dakars zu finden... Die Realität des neuen „Familienlebens" hatte wohl nicht das gehalten, was anfangs so vielversprechend erschien.

Das sind Szenen, die sich so und in ähnlicher Weise fast täglich im Zusammenhang mit der Problematik um die talibés abspielen. Die mendicité (Betteln) ist dabei nur die sichtbare Spitze des Eisberges. Armut, religiös-kulturelle Traditionen und politische Machtspiele nähren diejenigen Auswüchse der Koranschulen, deren Schüler nicht nur ihre Tage bettelnd statt lernend zubringen, sondern auch in unakzeptablen Bedingungen untergebracht werden sowie drakonischen Strafen ausgesetzt sind. Da die talibés oft von weither kommen und in vielen Fällen weniger für ihren eigenen Lebensunterhalt als vielmehr zur Bereicherung ihres maitre betteln, sind die normativen Aspekte für den UN-Straftatbestand des "Menschenhandels" erfüllt. Die Talibés-Problematik dominiert daher den senegalesischen Diskurs um Kinderschutz und Menschenhandel, nicht ohne dabei höchst umstritten zu sein, was ihre Verantwortlichkeiten, Lösungsstrategien und Benennung angeht.

Meine Forschung wird demnächst in die zweite empirische Phase gehen und ist noch offen in ihrem Ausgang. Bislang zeigt der Talibés-Diskurs wie eine internationale universale Kategorie - die des "Menschenhandels" - konfliktreich auf divergierende lokale Konzepte, Ideologien und hartnäckige kulturelle Praktiken stößt. In der diskursiven und praktischen Aushandlung lauern wiederum Paradoxien und andere Problematiken, die ich vor allem hinsichtlich der humanitären Akteure beleuchten möchte.

Es scheint dabei ganz so, als sei "Menschenhandel" nicht nur ein Geschäft mit der Menschenwürde Einzelner, sondern auch ein "Handel" um die Interpretationshoheit sozialer Realitäten, denn es liegen kulturelle Identitäten, politische Macht und bares Geld in der Waagschale.

Sarah Fuchs ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Lehrstuhl für Ethnologie und Kulturanthropologie. In ihrer Forschung beschäftigt sich mit der Bedeutung von humanitaristischen Motiven in der Migrationspolitik sowie mit der Handlungsmächtigkeit von Flüchtlingen am Beispiel Senegals.