Fachbereich Geschichte und Soziologie
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Der Fluch der ‚Kariben‘ - Zu Disneys Darstellung anthropophagischer Ureinwohner in Piraten der Karibik 2

“Rawk! Don’t eat me! No! Don’t eat me!” gibt der Papagei auf der Leinwand von sich und landet dabei gekonnt auf William Turners Schultern, der auf der Suche nach Captain Jack Sparrow gerade auf der Isla de Pelegostos angekommen ist. Noch ahnt Turner nicht, wie sein gefiederter Bekannter aus Sparrows Piraten Crew zu diesen Wörtern gekommen ist. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat auch das Publikum von Fluch der Karibik 2 die vorausgehenden Anspielungen noch nicht ganz begriffen: Der Unwille der Seemänner, sich der Insel zu nähern; die Zweideutigkeit in den Worten des Krabbenfischers, der auf der Insel Handel mit Gewürzen zur Zubereitung von „delicious long pork“ betreibt; und schließlich des Papageis neuer Wortschatz.

Doch spätestens beim Anblick des mit zahlreichen Totenköpfen geschmückten Throns auf dem ein ungewohnt panischer Captain Sparrow dem makaber bemalten Inselvolk gezwungenermaßen seine eigene Zubereitung dirigiert, dämmert es so langsam: Bei den Bewohnern der Insel handelt es sich nicht nur um mordlustige Wilde, sondern um praktizierende Kannibalen! „Delicious long pork“ ist ein zwar ungewöhnlicher, aber in diesem Zusammenhang durchaus nachvollziehbarer Euphemismus. Und auch der Stammesname Pelegostos hört sich zumindest für die Lusophonen unter uns deutlich danach an, als handle es sich hier um Leute, denen ‚Haut schmeckt‘. Der schöne William hingegen, mittlerweile von den Eingeborenen per Blasrohr-Giftpfeil fügsam gemacht und gefesselt an einer Tragestange baumelnd, ist ausgewiesener Waffenschmied und kein Romanist mit Sinn für rhetorische Mittel. Benebelt von der toxischen Wirkung der Pfeilspitze benötigt er noch ein bisschen länger als das Hollywood-Publikum um zu erkennen, was die Pelegostos da treiben.

Die hier beschriebenen Filmszenen wurden 2005 auf der Antilleninsel Dominica gedreht. Ihre von üppigem Regenwald bewachsene, vulkanisch-gebirgige Topographie, und ihre unbequem-steinigen Strände gleichen nicht gerade dem Karibikbild der „Raffaello“-Reklame, welches gestressten und durchgefrorenen Mitteleuropäern gerne in den Sinn kommt, wenn sie das Wort Antillen hören. Mit ihrer Unwegsamkeit, ihrem dichten Dschungel, den hohen Bergen und atemberaubenden Schluchten dient sie ganz anderen Vorstellungen zur Inspiration: Dominica sieht aus wie Abenteuer, Gefahr, Wildnis, Spannung und unbezähmbare Natur. So fiel Walt Disney Productions und Jerry Bruckheimer Films die Entscheidung sicherlich nicht schwer, die kleine Insel mit ihren rund 70.000 Bewohnern und 750 km2 zum Hauptdrehort für das Zusammentreffen von hartgesottenen Piraten und karibischen Ureinwohner zu machen.

Laut der Lokalzeitung The Chronicle reiste eine rund 600-köpfige Crew für die Dreharbeiten an, welche von ca. 450 lokalen Angestellten für Security und Catering, Fahrern und Komparsen unterstützt wurden. Letztere, so berichtet mir ein junger Mann auf dem Markt in der Hauptstadt Roseau, wurden direkt im ‚Kariben Reservat‘ angeheuert. Bereits 1903 ‚übergab‘ das Vereinigte Königreich das bis dato unbesiedelte, abgelegene und relativ unfruchtbare Gebiet von 15 km2 als Kollektivbesitz an die Nachkommen der präkolumbischen Bevölkerung. Das Gebiet steht seither unter Obhut, Verwaltung und Kontrolle eines Carib Councils sowie des Carib Chiefs, und ist das einzige seiner Art in der gesamten Karibik. Als Dominica im Jahr 1978 die politische Unabhängigkeit erlangte, wurde dies mit dem Carib Reserve Act bestätigt. Wohnen, so lasse ich mir sagen, ist dort hauptsächlich den Inselbewohnern erlaubt, die als ‚Kariben‘ oder deren Kinder kategorisiert wurden.

Der Marktplatz Roseaus ist wie leergefegt. Es ist spätnachmittags unter der Woche; nur noch zwei junge Männer stehen dort mit ihrem Geländewagen, die Ladefläche voller grün-gelber Kokosnüsse, gegenüber vom Kentucky Fried Chicken, der alle Besucher am Eingang der Stadt mit einem Drive-Through und dem untrüglichen Geruch nach Frittierfett begrüßt. Ich bitte die beiden um ein „Jelly“, wie Kokosnusswasser auf Dominica genannt wird, während ich missmutig die herrschaftliche Präsenz des US-amerikanischen Fast Food Restaurants zur Kenntnis nehme. Erfreut über die Abwechslung stellt einer der Männer sich als James und den Kollegen als seinen Cousin vor und verwickelt mich in eines der üblichen Gespräche unter Unbekannten: Woher ich komme, was ich hier mache. Ich lasse ihn raten und bin gespannt darauf, wohin seine Vermutungen führen. Doch James ist ratlos: Ich bin nicht vom Kreuzfahrtschiff wie der Großteil der Fremden, die ihm sonst begegnen und ihn um ein ‚coconut water‘ bitten. Und ich gehöre auch ganz offensichtlich auch nicht zu einem ausländischen Film- oder Dokumentationsteam, so alleine wie hier herumspaziere.

Ob ich schon im Kalinago Territory war, fragt mich James und reicht mir die Kokosnuss, die sein Cousin mit der Machete geöffnet und mit einem weißen Strohhalm versehen hat. Nein, antworte ich wahrheitsgemäß und verstehe, dass die beiden von dort sind. Kalinago Territory, das ist die als würdiger verstandene Bezeichnung des Carib Reserve; Kalinago nennen sich die Bewohner selbst, in Abgrenzung zu der von Europäern etablierten Bezeichnung Carib. Ich habe eine Entschuldigung: Der Ort ist nicht leicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, er liegt genau am anderen Ende der Insel, und der Fokus meiner ethnographischen Beobachtungen liegt anderswo. Auf einer kurzen Sondierungsreise zu Vorbereitungszwecken eines längeren Forschungsaufenthalts sollte man sich ja auf das Wesentliche konzentrieren. Ich komme jedoch nicht dazu, James diesen Umstand zu erklären, da sein Cousin sich plötzlich lebhaft ins Gespräch einmischt. James solle die nette Touristin doch nicht in die ärmste und bedauernswerteste Gegend der Insel locken, warum er mir nicht lieber vorschlage, die neun Drehorte von Fluch der Karibik 2 und 3 zu besuchen, die ich mit Sicherheit schon im Kino gesehen habe. Man könne sie ganz einfach auf den Roadmaps finden, die im Touristenbüro gratis ausliegen. Sie seien mit kleinen Piratenflaggen auf der Karte markiert.

Über die für mich recht banal anmutende Frage, welches Ausflugsziel nun das Bessere wäre, entbrennt eine kurze, aber ungewöhnlich gereizte Diskussion zwischen den beiden Männern. Doch der verbale Schlagabtausch weist auf einen tiefer sitzenden Konflikt hin, der James‘ Familie bis heute in zwei Lager spaltet. Wie sich herausstellt, nahm dieser Konflikt bereits vor rund zehn Jahren seinen Anfang, nachdem bekannt wurde, dass der Kalinago Chief Charles Williams von Disney zum Gespräch gebeten wurde - und warum. In der geplanten Folge des Blockbusters Fluch der Karibik, so erfuhr der Chief bei diesem Gespräch, sollten karibische Ureinwohner dargestellt werden. Und auch wenn kein Blut und kein konkreter Verzehr von Menschenfleisch gezeigt werden würden, sei das starke kannibalische Element in den betreffenden Szenen nicht zu leugnen.

Für James ist die Erwähnung der Drehorte ganz offensichtlich ein rotes Tuch; er nestelt ärgerlich an seinem T-Shirt herum. „Ich war auf Chief Carlos Seite“, murrt er, und erzählt mir dann, wie damals mit Plakaten nach Komparsen indigenen Phänotyps gesucht wurde. Während sich seine Schwester und weitere 150 der rund 3000 Bewohner des Kalinago Territory ebenso begeistert wie erfolgreich darauf beworben hatten, für umgerechnet drei Euro die Stunde „halbnackt hinter Johnny Depp herzurennen und die Menschenfresser zu spielen“, habe der Kalinago-Chief zum Boykott aufgerufen und einen offenen Brief verfasst. Zu einem späteren Zeitpunkt recherchiere ich seine kritische Stellungnahme im Internet: Der Film reproduziere ein Stigma, welches seit der Kolonialzeit auf den Kalinago laste; es gebe keine Evidenz für Kannibalismus in der Geschichte der Karibik; Disney festige einen europäischen Kolonial-Mythos; der Kampf gegen dieses falsche Bild müsse am Leben gehalten werden. In einem Kommentar in The Chronicle am 25. Februar 2005 spricht ein weiterer engagierter Gegner gar von einem ‚national issue‘: „They cannot, on the one hand, call the people to national pride and respect for national symbols and, on the other hand, endorse a hideous caricature of the oldest surviving people in our commonwealth.”

Auch indigene Repräsentanten aus der ganzen Region melden sich zu Wort: Das National Garifuna Council in Belize verurteilt die Darstellung, die Carib Community in Trinidad ist empört, die St. Vincent and the Grenadines Historical and Archaeological Society ruft zum Boykott auf, und die Nachrichten Plattform Indian Country Today wirft Disney in ihrem Editorial Rassismus vor. Umgehend werden Geschichtswissenschaftler der West Indies University dazu interviewt, ob die Vorfahren der Kalinago nun wirklich Kannibalen, oder doch nur kriegerisch gewesen seien. Doch die öffentliche Debatte ändert nichts daran: Die meisten Inselbewohner auf Dominica freuen sich über die Devisen, die durch die Dreharbeiten ins Land strömen, die Beauftragten für Tourismus und Marketing sind beglückt über Disneys indirekte Werbung, das Filmteam lobt die exzellente Arbeitsethik der Locals, und James‘ Schwester nimmt den äußerst schiefen Haussegen gerne in Kauf.

Die Filmszenen im Dorf der „Pelegostos“ erinnern tatsächlich an die kolonialen Darstellungen von Kannibalismus, an neuzeitliche Stiche von Theodor de Bry oder an Reiseberichte aus dem 16. Jahrhunderts wie der von Hans Staden. Seit der frühen Kolonialzeit nährten diese die Vorstellungen über die Menschen in der ‚Neuen Welt‘ und dienten den Mächtigen zur Rechtfertigung einer gewaltsamen Kolonialisierung. Schon Kolumbus berichtet auf seinen ersten Reisen von den Gerüchten über die ungeheuerlichen anthrophagen Raubzüge der Menschen aus ‚Cariba‘ oder ‚Caniba‘, welche vom südamerikanischen Kontinent aus die Antillen besiedelten, und ihre neuen Nachbarn in Angst und Schrecken versetzen würden. Nach und nach etablierten sich so Worte wie Karibik und Kariben und auch Begriff und Bedeutung des Wortes Kannibale im Wortschatz und im ‚Wissen‘ der Europäer. Ob Formen der Anthropophagie jedoch tatsächlich als rituelle Praxis in der Karibik existierten, scheint in der Wissenschaft umstritten. Dass die Vorfahren der Kalinago ihr Land lange Zeit äußerst widerstandsfähig und durchaus martialisch gegen andere zu verteidigen wussten, wird allerdings selten in Frage gestellt. Frauenraub, Trophäisierung von Körperteilen tapferer gegnerischer Krieger sowie die Aufbewahrung und Sakralisierung von Knochen und Schädel der Ahnen gelten als mögliche Auslöser eines ‚kulturellen Missverständnisses‘. Eine größere Rolle spielte dabei sicherlich auch, dass für die Kolonisatoren und Kolonisten bereits die bloße Behauptung nützlich war, es mit Menschenfressern zu tun zu haben, um deren Ausbeutung und Entmündigung zu ‚legitimieren‘. Um 1700, das heißt vergleichsweise spät, werden die Vorfahren der Kalinago schlussendlich durch die französische und englische Kolonisation gewaltsam auf die am schwersten zugänglichen Gebiete der Inseln Saint Vincent und Dominica zurückgedrängt.

James schaut erst seinen Cousin verächtlich, dann mich herausfordernd an: Was hättest du denn gemacht, wenn Hollywood Millionen damit verdient deine Familie der Welt als Menschenfresser zu verkaufen? Hättest du als Komparsin mitgemacht, so wie meine Schwester? Ich spüre sehr deutlich: Das ist keine rhetorische Frage. James will, dass ich mich in die Kalinago hineinversetze, und James will, dass ich Stellung beziehe, bestenfalls die seine. Ich habe den Film noch nicht gesehen, muss ich zugeben, und hoffe, dass dies ausreicht, um der Frage zu entgehen. Es reicht nicht aus. James sieht mich noch immer abwartend an. Ich ziehe unschlüssig am Strohhalm, aber die Jelly gibt nichts mehr her. Ich müsste mehr über den Fall wissen, um die Frage mit halbwegs gutem Gewissen beantworten zu können. Also stelle ich erstmal Gegenfragen: Werden die Kariben oder Kalinago denn namentlich erwähnt? Wird im Film klar, dass es sich um die Insel Dominica handelt? Sprechen die Darsteller denn die Sprache der Kalinago? James‘ Cousin lacht laut auf. Das wäre das allererste Mal gewesen, so kichert er, dass er einen Kalinago etwas anderes als Englisch hätte reden hören. James‘ Blick verfinstert sich abermals, doch er lässt sich ablenken. Ich überreiche seinem Cousin die leere Kokosnuss, und während dieser sie für mich öffnet, so dass ich das Fruchtfleisch herausschaben kann, fällt mir auf, dass meine Fragen womöglich überhaupt keine Rolle spielen.

Piraten der Karibik 2 ist ganz offensichtlich ein Märchen voller Spuk und Action, erfundener Geister und Figuren. Auch die Pelegostos, ihre Insel und ihre Sprache sind fiktiv. Dennoch suggeriert der Film eine historische Bühne und zeichnet ein Bild nach, das den kolonialen „Fluch der Kariben“ als Kannibalen stereotypisiert zu werden ins 21. Jahrhundert hineinträgt. Wie schlimm man das Ganze jedoch finden soll, darüber lässt sich anscheinend auch in Kalinago-Familien streiten.

Weltweit spielte Piraten der Karibik 2 über eine Milliarde Dollar ein und wurde somit zu einem der erfolgreichsten Kinofilme aller Zeiten.

Corinna Angela Di Stefano hat Diplom-Regionalwissenschaften für Lateinamerika an der Universität zu Köln und Fachübersetzung an der Universidad Córdoba studiert. Seit Oktober 2014 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin an der Professur für Ethnologie und Kulturanthropologie an der Universität Konstanz. In ihrer Promotion beschäftigt sie sich mit dem Grenzregime der Europäischen Union in der Französischen Karibik.